Kiss me, Cowboy - Leseprobe

Carrie bremste ihren Gepäcktrolley und schaute sich in der lauten Sammelhalle des Flughafens von Dallas/Fort Worth um. Wenn hier nicht gerade ein Cowboy-Flashmob veranstaltet wurde, war sie offensichtlich im falschen Film. Wie, um Himmels willen, sollte sie den Typen identifizieren, der zur ihrer Abholung geschickt worden war? Reichlich spät fiel ihr ein, dass sie nicht einmal die Adresse der Ranch hatte. Sarah, die Assistentin ihres Lektors, hatte gesagt, sie solle sich keine Sorgen machen: Es sei alles arrangiert, denn schließlich wäre sie nicht die erste Autorin, die das Privileg hätte, die Bluebonnet-Ranch zu besuchen.
   Ob es wirklich solch ein Privileg war, musste sich erst zeigen, dachte Carrie etwas missmutig. So kurz nach Beendigung ihrer letzten Lesetour gleich wieder in ein Flugzeug zu steigen, hatte sie nicht vorgehabt. Aber Jonathan Kurtz, ihr Lektor, war unerbittlich gewesen und hatte erklärt, dass ihr eigentlich keine Wahl blieb, denn eine Verschiebung ihres neuen Titels stehe nicht zur Diskussion und die Deadline MUSSTE eingehalten werden. Dass sie sich von der anstrengenden Lesereise ausgebrannt fühlte und ihr Privatleben seit ihrer Rückkehr ein Voll-Chaos war, sei zwar sehr bedauerlich, aber keine Entschuldigung und erst recht kein Hinderungsgrund für ihre Trödelei bei der Abgabe. Ein erholsamer Aufenthalt auf der Ranch wäre genau das Richtige und die idyllische Umgebung und die Ruhe ohne unnütze Ablenkungen hätte bis jetzt noch jeden Autor wieder ans Schreiben gebracht. Punkt. Widerspruch ausgeschlossen.
   Damit war ihr Protest erstickt worden, noch bevor sie ihn hatte aussprechen können. Außerdem musste Jonathan eh klar sein, dass ländliche Abgeschiedenheit und sie niemals Freunde werden würden. Unnützen Ablenkungen zu frönen, gehörte zu Carries liebsten Beschäftigungen, wenn es darum ging, sich selbst von produktiver Arbeit am Manuskript abzuhalten. Wobei die Stunden, die sie auf Facebook zubrachte, natürlich nur dazu dienten, ihre Fan-Base bei Laune zu halten und zu erweitern. Für ihre exzessiven Shopping-Touren hatte sie allerdings nur die etwas lahme Ausrede parat, dass sie auf den Buchreisen gut auszusehen hatte und die schicken neuen Schuhe waren quasi ihre Berufskleidung.
   Auch konnte die Aussicht auf ayurvedische Öl-Stirngüsse, Saftkuren und frühmorgendliches Yoga sie nicht wirklich reizen. Aber wenn sie nicht in ein Hotel ziehen wollte, um den sechsten Teil ihrer »Lawless Lovers«-Serie fertigzuschreiben, blieb ihr tatsächlich keine Wahl, als das zugegebenermaßen großzügige Angebot ihres Verlegers anzunehmen.
   Carrie seufzte und ließ ihre Blicke wieder durch den Terminal wandern. Plötzlich stutzte sie. Denn der Typ, der eben durch die breite Tür kam, war schon ein echter Hingucker.
   Er sah aus, als wäre er soeben einem ihrer Romane entstiegen – oder besser gesagt ihrem aktuellen Manuskript: groß, schlaksig und mit dem obligatorischen Cowboy-Hut, dazu Jeans und Boots. Fehlte nur noch, dass er eines dieser komischen Fransenhemden trug und ein Lasso schwang, dachte Carrie mit einem kleinen vergnügten Grinsen. Der Bursche war der leibhaftige Traum aller Cowboy-Romanzen.
   Obwohl er in Terminal A bei Weitem nicht der einzige Mann in diesem Aufzug war, hatte er etwas an sich, das ihr sofort ins Auge gefallen war. Und wie es aussah, wartete er sogar auf sie, denn jetzt er hielt ein Pappschild hoch, auf dem »D.C. Long” stand und ließ seine Blicke suchend über die gerade eingetroffenen Reisenden des Flugs AA 2370 schweifen.
   Entschlossen gab sie ihrem Gepäcktrolley einen Schubs und steuerte dieses Prachtexemplar von einem Texaner an. Vielleicht würde ihr Zwangsurlaub in diesem Wellness-Resort doch kein völliger Fehlschlag werden.
   »Ich glaube, Sie warten auf mich«, verkündete sie etwas atemlos.
   Der Trolley hatte die Tendenz, ein Eigenleben zu entwickeln und sie musste ihn wie einen bockigen Rodeo-Gaul in Zaum halten, damit er nicht plötzlich ausscherte und einem der anderen ankommenden Passagiere gegen die Hacken fuhr. Außerdem war er mit zwei Koffern und einer großen Tasche recht schwer beladen, was das Manövrieren noch zusätzlich erschwerte.
  »Das denke ich nicht, Ma’am«, sagte er gedehnt, nachdem er sie flüchtig gemustert hatte.
   Aus der Nähe betrachtet sah er sogar noch besser aus, mit seinen blitzenden blauen Augen und dem kecken Bärtchen. Ein wenig erinnerte er sie an einen Schauspieler aus einer dieser TV-Serien aus den  90er-Jahren, die sie immer so gerne ansah. Wie hieß er noch gleich …? Luke Perry. Genau.
   Sie merkte plötzlich, dass sie ihn immer noch anstarrte und sagte schnell: »Nein, das stimmt schon. Sie warten auf mich.«
   »Ich warte auf einen D.C. Long«, beharrte er, aber in seine Stimme schlich sich eine leichte Irritation.
   »Ich bin D.C. Long«, sagte Carrie prompt.
   Er musterte sie von oben bis unten – angefangen bei ihren dunklen Haaren, die sie zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte, über ihr knappes Outfit von DKNY bis hinunter zu den schicken hellgrünen High Heels, die sie sich extra noch für die Reise gekauft hatte und die, seit sie gelandet war, nicht mehr aufhörten zu drücken. Während des knapp dreistündigen Fluges von Chicago hatte sie die Schuhe ausgezogen und jetzt musste sie dafür büßen. Sie krümmte die Zehen in dem schmalen Schuh und versuchte, eine schmerzfreie Position zu finden. Verflixt.
   »Ma’am ..?«
   »Ich wollte sagen, D.C. Long ist mein Pseudonym. In Wirklichkeit heiße ich Carrie Harper.«
   Sein Stirnrunzeln vertiefte sich und man konnte seinen Gesichtsausdruck schon fast mürrisch nennen. Für gewöhnlich rief Carries Erscheinung beim anderen Geschlecht die gegenteilige Reaktion hervor. Und sie fragte sich irritiert, ob etwas mit ihrem Äußeren nicht stimmte. Sicher, ihr Make-up müsste vermutlich etwas aufgefrischt werden, aber die Schlange vor den Waschräumen war nicht sehr einladend gewesen, und ihre Haare – unwillkürlich strich sie sich glättend über den Kopf, nein daran konnte es nicht liegen. Abwartend sah sie ihr Gegenüber an.
  Schließlich schien er zu einem Entschluss gelangt zu sein, denn er erklärte kurz und bündig: »Wenn das so ist ... Dann kommen Sie am besten mit. Ich stehe auf dem Kurzzeitparkplatz.«
   Ohne sie eines weiteren Blickes zu würdigen, machte er auf dem Absatz kehrt und strebte zum Ausgang des Terminals, während Carrie sich mit dem widerspenstigen Trolley abmühte.
   ‚Was für ein Flegel’, dachte sie empört. ‚Behandelt man so eine Lady?’ Wobei sie allerdings nicht umhin kam, festzustellen, dass der Flegel einen netten Knackarsch in seinen Jeans stecken hatte. 

Wie es mit Carrie Harper und dem attraktiven Cowboy weitergeht können Sie hier lesen: "Kiss me, Cowboy"

Leseprobe: ©Lita Harris - 2014

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