Soulmates (Make A Wish) – Leseprobe

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»Mir gehts gut, Mom, wirklich«, sagte Sam und nahm sein Handy ans andere Ohr.
Er griff nach seiner Wasserflasche, drehte den Verschluss ab und trank durstig. Anschließend drehte er mit angewidertem Gesicht den Deckel drauf – selbst das Wasser schmeckte schal in dieser Stadt. 
»Isst du denn auch genug?« 
Sam rollte mit den Augen. »Ja, Mom.« 
Das stimmte sogar. Er hatte sich am Morgen für ein paar Cents einige Stangenbrote vom Vortag beim Bäcker besorgen können, die er sich mit den Möwen teilte. Zusammen mit einem Beutel Orangen, den er an einem Obststand gekauft hatte, und zwei Dosen Sardinen aus dem Supermarkt war damit sein Tagesbudget aufgebraucht. Zum Glück hatte er sein Zimmer im Voraus bezahlt und somit für die nächsten zwei Nächte noch eine Unterkunft. Wie es dann weitergehen sollte – er wusste es nicht.  
Sam kniff die Augen zusammen und schaute zum Pier. Vor drei Stunden hatte der Vergnügungspark geöffnet und selbst um diese Jahreszeit drängten sich einige Besucher um die Attraktionen. Manchmal, wenn der Wind richtig stand, konnte er die Musik des Karussells bis hinunter zum Strand hören. 
Einige Meter weiter unten am Wasser ging einsam eine Frau spazieren. Sie hatte ihre schwarzen Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden, trug aufgekrempelte Jeans und um die Schultern einen dicken Strickpullover. Als sie näher kam, bemerkte er, dass sie barfuß war und was er zuerst für eine Tasche gehalten hatte, waren ihre Schuhe, deren Schnürsenkel sie um die Handgelenke geschlungen hatte und die nun lose hin- und herbaumelten. Die Art, wie sie sich bewegte, so ungezwungen und selbstsicher, wirkte auf ihn ungeheuer erotisch und weckte in ihm den Wunsch … 
Sam rief sich zur Ordnung. Das war nun wirklich nicht der passende Zeitpunkt, um über eine Frau am Strand zu fantasieren. 
»Bist du denn gar nicht bei der Arbeit?« 
Er musste grinsen. Das war typisch seine Mom. Erst rief sie ihn mitten am Tag an und irgendwann wunderte sie sich, dass er nicht bei der Arbeit war. Wobei … in Missouri war es jetzt später Nachmittag. Sie stand wahrscheinlich in der Küche und bereitete das Abendessen  für seine Geschwister und die Cowboys zu. In einem Monat würden bereits die ersten Feriengäste auf die Triangel-Ranch kommen … plötzlich merkte er, dass seine Mutter immer noch auf eine Antwort wartete. 
»Nein, ich habe gerade etwas Pause und bin runter an der Strand gegangen«, log er.
Warum sollte er ihr erzählen, dass es mit dem Job wieder nicht geklappt hatte – sie würde sich nur noch mehr Sorgen um ihn machen, als sie es eh schon tat. Selbst wenn er schon fünfundzwanzig war, musste sie ihn immer noch etwas beglucken und er ließ sie gewähren. Seit Dad tot war, waren die Holloways alle dichter zusammengerückt. Ohne dieses starke Gemeinschaftsgefühl hätten sie die Ranch und die Pferdezucht vermutlich nicht halten können. 
Aber seiner Mutter hatte er noch nie etwas vormachen können – so auch diesmal. Auch wenn sie ihn das auf ihre typische, umständliche Art wissen ließ. 
»Du weißt, dass du jederzeit nach Hause kommen kannst, mein Junge.«
»Ich weiß, Mom.« Dass er sich sein Rückflugticket hatte auszahlen lassen, um sein Zimmer im Pavilion Motel nicht zu verlieren, verschwieg er wohlweislich. 
»Hast du schon das Neueste …«
Oben auf der Promenade ratterten einige Kids auf ihren Skateboards entlang und ihm entging ein Teil dessen, was seine Mutter zu ihm gesagt hatte. 
» … letzte Woche mit Clayton Guthrie verlobt.«
»Was hast du gesagt, Mom? Wer hat sich verlobt?«
»Brianna Sanderson mit dem Guthrie-Jungen.«
Sam schluckte. Er hoffte, dass er sich verhört hatte. Doch seine Mom fuhr ahnungslos fort:
»Du bist doch auch eine Zeit lang mit ihr ausgegangen, oder?« 
»So könnte man es auch nennen«, murmelte er geistesabwesend und verdrängte die Bilder, die auf ihn einstürmten – von ihm und der Frau, von der er gedacht hatte, dass er sie bald heiraten würde. 
»Hallo, Sam. Bist du noch dran, mein Junge?« 
Wie durch Watte drang die Stimme seiner Mutter an sein Ohr und er sagte: »Ich muss jetzt Schluss machen, Mom. Meine Pause ist gleich zu Ende.«
Nachdem ihm seine Mom noch die üblichen wohlmeinenden Ermahnungen mit auf den Weg gegeben hatte, beendete Sam hastig das Gespräch. Sie musste nicht unbedingt mitbekommen, dass ihre Neuigkeiten ihn wie ein Schlag in die Magengrube getroffen hatten.
Er holte tief Luft. Brianna, seine Brianna, hatte sich verlobt. 
Immerhin hatte sie nach seiner Abreise fast drei Wochen gewartet, dachte er zynisch. Noch am Morgen hatte er das kleine Schmuckkästchen mit dem Ring in der Hand gehabt und obwohl er dringend Geld brauchte, hatte er sich nicht davon trennen wollen. Und selbst jetzt zögerte er bei dem Gedanken, den Ring zu versetzen. Dabei war es wohl Zeit, einen Schlussstrich zu ziehen – so wie Brianna es anscheinend schon vor Monaten getan hatte. Jetzt würde sie nie erfahren, dass er den Verlobungsring bereits gekauft hatte, als sie kurz nach Thanksgiving eine Beziehungspause vorschlug. Naiv, wie er in diesen Dingen war, hatte er ihr tatsächlich geglaubt und war davon ausgegangen, dass sie wieder zusammenkommen würden.
Aber wahrscheinlich hatte sie gesehen, was er nicht wahrhaben wollte – dass es nur eine Jugendliebe zwischen ihnen gewesen war und dass sie sich immer weiter voneinander entfernt hatten, seit er in Springfield auf die Uni gegangen war, um Schauspiel zu studieren. Brianna indes war auf der Suche nach einem Ehemann gewesen, der ihr all ihre Wünsche von den Augen ablesen würde. Da passte er wohl nicht ins Bild. Ein Mann ohne Karriereaussichten, der ihr am Valentine’s Day einen Verlobungsring mit einem kaum sichtbaren Diamantsplitter an den Finger hatte stecken wollen. Das hatte jetzt ein anderer gemacht und Sam würde darauf wetten, dass an Briannas Finger ein richtig dicker Klunker prangte. 
Schon komisch, übermorgen war Valentinstag und heute hatte ihn diese Nachricht kalt erwischt. Dabei sollte er eigentlich nicht überrascht sein. Schließlich hatte sie noch nie einen Hehl daraus gemacht, wie wichtig ihr Geld und Ansehen im Leben waren – und die Guthries hatten beides im Überfluss. Da kam ihr die Auszeit wohl gerade recht. Vermutlich hatte sie gedacht, dass sie unter diesen Umständen nicht dazu verpflichtet gewesen war, ihn von dem endgültigen Ende ihrer Beziehung zu unterrichten. Brianna war schon immer sehr pragmatisch gewesen. 
Er schaute auf den Ozean. Es war gerade Ebbe und die gleichförmigen Wellen erinnerten ihn an die endlosen Weidelandschaften Missouris. Dies war der Augenblick, in dem ihn das Heimweh packte und ihm bewusst wurde, wie einsam er hier draußen war. 

Daria sah zum Himmel, sie konnte nach dem Stand der Sonne ziemlich genau die Uhrzeit schätzen. Allerdings hatte sich die Sonne in den letzten Wochen selten gezeigt. Der graue, kalifornische Winterhimmel hatte in ihr die Sehnsucht nach den schneebedeckten Bergen Transsylvaniens geweckt, obwohl sie diese nur aus den Erzählungen ihrer Großmutter kannte. Ihre Familie, die mütterlicherseits den Gábor angehörte, hatte Rumänien vor mehr als drei Generationen verlassen und war nie wieder zurückgekehrt. Aber wie alle Gypsies hatte sie die alte Heimat im Blut. 
Bis es warm genug war, um im Sand zu liegen und im Ozean zu baden, gehörte der Strandspaziergang am Nachmittag zu ihrer täglichen Routine. Später im Jahr verlegte Daria ihn dann in die Stunden kurz nach Sonnenaufgang, wenn  der lange Sandstrand bis auf ein paar Surfer menschenleer war. 
Sie bückte sich, streifte ihre Schuhe ab und krempelte ihre Jeans auf, damit sie von der Gischt nicht nass wurden. Daria liebte das Meer, das Schreien der Seevögel und das dumpfe, monotone Dröhnen der Brandung. Es vertrieb die Karussell-Musik und das Klingeln und Klacken der Spielautomaten aus ihrem Kopf und ließ sie zur Ruhe kommen. Manchmal wünschte sie, dass sie ein kleines Haus am Strand hätte. Ein Stückchen weiter die Küste hoch, Richtung Topanga. Vielleicht in einigen Jahren … 
Seit sie angefangen hatte, auf dem Pier zu arbeiten, hatte sie sich einen guten Ruf erworben. Die Leute von der »Industrie«, wie man das Filmgeschäft hier nannte, suchten ihren Rat. Natürlich kamen sie nicht auf den Jahrmarkt, sondern machten mit ihr einen Termin ab und besuchten sie in ihrem Apartment. Doch die fremden Energien, die sie mitbrachten, zehrten an ihren Kräften und sie musste immer öfter ein Reinigungs-Ritual durchführen. Manchmal kam es ihr auch so vor, als würden die Begegnungen mit zu vielen Fremden ihr ›Talent‹ schwächen.
Bis jetzt hatte sie solche Momente, wenn die Karten ihr nicht halfen, den Fokus zu finden, geschickt überspielen können. Außerdem war sie wie alle Mentalisten eine Meisterin des Cold Reading und konnte in ihren Kunden lesen wie in einem offenen Buch. 
Noch zwei Stunden und sie würde wieder in ihrer Bude sitzen und den Besuchern gegen Geld erzählen, was sie hören wollten. Außerhalb der Saison hielt sie sich an den Wochentagen nur für zwei Stunden auf dem Pier auf. Zum Glück konnte sie sich diese Auszeiten leisten, denn wenn im Sommer die Touristen auf den Pier strömten, war sie jeden Tag von mittags bis spät in die Nacht beschäftigt.
Plötzlich blieb sie wie angewachsen stehen. Sie schloss die Augen und holte tief Luft. Gefühle, die nicht ihre eigenen waren, tauchten am Rande ihrer Wahrnehmung auf. Sie taumelte. Es war, als hätte sie eine Brandungswelle überrollt. Als sie sich gerade wieder gesammelt hatte, kamen die Visionen. Bilder aus einer Vergangenheit und Zukunft, die zu jemand anderem gehörten, flogen an ihrem inneren Auge vorbei. Noch nie zuvor hatte sich das ›Talent‹ in dieser Form manifestiert.   
Als sie wieder zu sich kam, schaute sie sich nach dem Ursprung, dem Sender, dieser Emotionen um. Doch außer einem jungen Mann, der mit traurigem Gesicht auf den Pazifik schaute, war niemand zu sehen. 

Daria fröstelte trotz der spätwinterlichen Sonne und zog ihren Stricksweater über. Die Wolle fühlte sich auf ihren bloßen Armen wie Schmirgelpapier an, so überreizt waren ihre Sinne. Ihre Hand tastete nach ihrem Kartendeck, das sie immer bei sich trug und umklammerte das kleine Päckchen, so als wäre es ein Rettungsanker. 

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