Hearts on Fire - Leseprobe


Sommer 1994

»Wenn ich groß bin, heirate ich Lilly«, verkündete Antonio der versammelten Familie beim gemeinsamen Abendessen.
Marita Fiore schaute ihren Jüngsten perplex an. Sandro und Andrea lachten schallend und Antonio reckte trotzig sein Kinn. Er würde es seinen beiden großen Brüdern schon zeigen. 
»Wer ist denn diese Lilly?« 
»Das ist dieses reiche, kleine Mädchen, das immer mit der Contessa di Asinari in die Gelateria kommt«, erklärte Sandro altklug. 
»Lilly ist meine Freundin.« 
»Und der Mond ist aus Käse«, prustete Andrea. 
Als er jedoch einen mahnenden Blick seiner Mutter auffing, verstummte er schlagartig. Mamma Fiore hatte ihre Jungs fest im Griff. 
»Da ihr zwei anscheinend Langeweile habt, geht ihr jetzt nach vorne in den Laden und helft eurem Vater und Angelica bei der Arbeit. Und du, caro mio, werd erst mal erwachsen, bevor du vom Heiraten sprichst«, sagte sie und zerzauste Antonios dunkle Locken. »Und jetzt aber avanti, die Hausaufgaben warten.«
»Aber heiraten werde ich Lilly trotzdem.« 
»Ach, mein Kleiner. Dazu gehören immer noch zwei«, lächelte die Mamma. »Und Aber wenn die Lilly und das Schicksal es so wollen, wird es auch passieren.«
Und ob die Lilly will, dachte Antonio im Stillen, während er seinen Teller zur Spüle trug und dann in das gemeinsame Zimmer der Brüder ging. Schließlich habe ich sie geküsst - mitten auf den Mund.Was gar nicht so einfach gewesen war, wegen ihrer beider Nasen und der Spucke. 
Aber er hatte es wohl richtig hinbekommen, denn Lilly hatte ganz verliebt geguckt. Und Küssen auf den Mund war schließlich so gut wie verlobt. 

Lilly war kurz darauf abgereist und obwohl Antonio jeden Sommer auf ihre Rückkehr gewartet hatte und an dem verwunschenen Reetdachhäuschen vorbeigeradelt war, das der Dame gehörte, die immer mit ihr in die Eisdiele gekommen war, hatte er sie nie wiedergesehen. Aus seinem Kopf und seinem Herzen war sie allerdings nie ganz verschwunden.

Frühjahr 2015

Was für ein Tag, dachte Lilly, als sie vor der kleinen ockerfarbenen Stadtvilla in der Bismarckstraße aus dem Taxi stieg. Was für ein unnützer und ärgerlicher Tag. 
Sie fühlte sich völlig gerädert, denn sie war bereits um halb fünf Uhr früh aufgestanden, um den ersten Flug nach München zu nehmen. Dabei hatte sie bis spät in die Nacht an den Hochzeitsvorbereitungen gesessen und sich den Kopf über die Menüfolge zerbrochen. Und wie immer, wenn es um die Planung ihres großen Tages ging, hatte sich Sören mit einem Du weißt schon, was passend ist, Lil, aus der Affäre gezogen. 
Kaum zu glauben, dass sie bereits in vier Wochen eine verheiratete Frau sein würde. Genau gesagt, die Frau des Star-Chirurgen einer exklusiven Hamburger Privatklinik. Blendend aussehend, mit perfekten Umgangsformen und besten Kontakten zum alten Hamburger Kaufmannsadel, zu dem sowohl seine als auch Lillys Familie zählten. Der Kronprinz und die Kronprinzessin. Wenn es nach ihr ginge, könnte es ruhig eine Feier im engsten Familienkreis werden.
Eigentlich hätte sie an diesem Tag zur Druckerei fahren wollen. Nachdem bereits einmal die Einladungskarten als Fehldruck angeliefert worden waren, standen seit zwei Tagen die Kartons mit der Ersatzlieferung im Entree diesmal war auf falschem Karton gedruckt worden. Es war wie verhext. Und jetzt sollte sie Knall auf Fall nach München fliegen, um ein Kunstwerk zu prüfen, das ihr Chef, der Inhaber der Galerie »Boysen & Hartmann«, eventuell in Kommission nehmen wollte. 
Der Besitzer des angeblichen Anthonis van Dyck hatte auf ein Treffen am Vormittag bestanden. Lilly hatte die Anweisungen ihres Chefs ausgeführt und war auf die Wünsche des Kunden eingegangen, obwohl sie das Ergebnis ihrer Reise eigentlich schon ahnte bis zum heutigen Tage hatten sich alle angeblich aus dem Flakbunker stammenden Kunstwerke als unecht erwiesen. 
Zum Glück hatte sie noch einige Termine mit befreundeten Galeristen machen können und in der Pinakothek lief eine Ausstellung, die sie sehr interessierte. Insofern versprach der Tag auch einige positive Erlebnisse. 
Da sie sich nicht hatte durchfragen wollen, war sie am Airport einfach in die S1 gestiegen und bis zum Marienplatz gefahren, von wo sie ein Taxi in die Klenzestraße nahm. 
Kaum war sie jedoch aus dem Wagen gestiegen, bewahrheiteten sich ihre schlimmsten Befürchtungen. Ungläubig hatte sie in der Fassade des alten Mietshauses emporgesehen und sich dann an den Fahrer gewandt, der gerade anfahren wollte. 
»Sind wir hier auch richtig? Klenzestraße 14?«
»Ja, freilich!«  Nachdem er sie kopfschüttelnd gemustert hatte, fädelte er sich in den Verkehr ein und fuhr zurück in Richtung Bahnhof. 
Seufzend hatte Lilly die Haustür aufgestoßen und war zügig durch das nach Kohl riechende Treppenhaus auf den ausgetretenen Stufen in die vierte Etage gestiegen. Sie wartete, bis sich ihr Atem beruhigt hatte, strich sich glättend über die rotblonden Haare, zupfte ihren Business-Blazer zurecht und setzte einen freundlich-kompetenten Gesichtsausdruck auf. Wider Erwarten verspürte sie ein aufgeregtes kleines Kribbeln. Was, wenn in diesem Mietshaus der Klenzestraße tatsächlich ein verschollen geglaubter Schatz aus dem zweiten Weltkrieg zu heben war ?
Hinter der angegrauten Wohnungstür mit dem abgeplatzten Lack erwartete sie dann allerdings der nächste Schock, denn nachdem sie erst vergeblich nach einer Türklingel gesucht und dann energisch geklopft hatte, öffnete ihr ein ungepflegt aussehender alter Mann die Tür.
Da die Treppenhausbeleuchtung defekt war, hatte sie zuerst nicht erkennen können, dass er nur einen schmuddeligen Bademantel mit nichts darunter trug. Grundgütiger. Wo war sie hier gelandet? Sie schluckte und ignorierte die unerwünschten Einblicke, soweit dies möglich war.
»Sind Sie etwa diese Kunsttante?« 
»Kunsthistorikerin, Elisabeth Cornelsen«, sagte Lilly mit schmalen Lippen. Sie war versucht gewesen, ihren Doktortitel zu nennen, aber vermutlich hätte der Alte ihr dann von seinen Wehwehchen erzählt und um ihre ärztliche Meinung gebeten. 
»Sie kommen spät«, murrte der Mann anstelle einer Begrüßung und unterzog Lilly einer kritischen Musterung es war nur allzu offensichtlich, dass er ihr nicht zutraute, eine Expertise abzugeben. 
Dann drehte er sich wortlos um und schlurfte einen langen, mit Kartons zugestellten Flur entlang. Anscheinend erwartete er, dass sie ihm folgte. Lilly holte tief Luft und trat über die Schwelle. Bewusst ließ sie die Wohnungstür geöffnet und bemühte sich, mit möglichst nichts in Berührung zu kommen. Während sie sich vorarbeitete, hielt sie die Arme dicht an ihrem Körper. Hier in der Wohnung war der süßliche Geruch noch stärker. Sie hegte den Verdacht, dass er nicht von Kohl herrührte, wie sie eingangs gedacht hatte und musste einen Würgereiz unterdrücken.
Gerade als sie meinte, dass dieser schmale Flur nie enden würde, stieß der alte Mann eine Tür auf, die vermutlich in das Wohnzimmer führte so genau ließ sich das unter all dem Müll nicht erkennen und wies mit dramatischer Geste auf ein Gemälde in einem geschmacklosen, breiten Goldrahmen. 
Lilly schluckte. Der Anblick übertraf ihre schlimmsten Erwartungen und ließ sich ohne Weiteres in die Reihe der Scheußlichkeiten der Kategorie »Röhrender Hirsch« und »Zigeunerin« einordnen. 
Ohne dem Geschmiere einen weiteren Blick zu schenken und ohne ein Wort zu sagen, machte sie auf dem Absatz kehrt und stürmte den engen Flur entlang, in Richtung der offenen Wohnungstür.
Buchstäblich ungebremst rannte sie die Treppen hinunter und machte nur kurz Halt, um die Haustür aufzureißen. Draußen auf der Klenzestraße holte sie erst mal tief Luft und fischte dann mit spitzen Fingern ein Desinfektionstüchlein aus ihrer dunkelblauen MK-Hamilton, riss das Tütchen auf und säuberte sich hektisch die Finger. Sie war sich zwar ziemlich sicher, dass sie in der Wohnung nichts angefasst hatte aber alleine der Gedanke … 
Während sie zügig zum Gärtnerplatz marschierte, um dort ein Taxi heranzuwinken, legte sie sich in Gedanken eine geharnischte Ansprache an ihren Chef zurecht die sie natürlich nie vortragen würde, denn das verbot ihr ihre Erziehung.
Lillys weitere Termine trugen leider auch nicht dazu bei, den Tag noch zu retten. Und so war sie um fünf Uhr nachmittags am Hamburger Airport eingetroffen und ohne rechts oder links zu gucken zum Taxistand gegangen. Sie hatte noch kurz überlegt, ob sie bei der Galerie vorbeischauen sollte, um ihren Chef persönlich von dem Fiasko zu unterrichten, aber bis der Wagen sich durch den Feierabendverkehr gekämpft hätte, wäre der kleine Laden in der Dorotheenstraße bereits geschlossen gewesen. Außerdem wollte sie nur noch in etwas Bequemes schlüpfen und in dem kleinen Wintergarten bei einer Tasse heißer Schokolade diesen unerfreulichen Tag vergessen. Doch dann kam alles anders

Als Erstes merkte Lilly, dass die Eingangstür nicht zugesperrt war. Sie stieß einen Laut des Unmuts aus. Wie oft hatte sie Katja, ihrer Haushaltshilfe, schon gesagt, dass sie den Schlüssel zweimal im Schloss umdrehen und die Alarmanlage aktivieren sollte, wenn sie mit der Arbeit fertig war und das Haus verließ. Sören hatte in seinem Arbeitszimmer eine kleine, aber erlesene Sammlung afrikanischer Kunst und er bestand darauf, dass die Sicherheitsmaßnahmen akribisch eingehalten wurden. 
Sie seufzte. Und würde wohl noch einmal ein ernstes Wörtchen mit ihrer Perle reden müssen. Nachdem sie das Licht angeschaltet hatte, fiel ihr Blick als Nächstes auf die verflixten Kartons mit den Einladungskarten. 
Gestern hatte sie flüchtig noch daran gedacht, ihren Verlobten zu bitten, die Angelegenheit mit der Druckerei zu übernehmen oder wenigstens Chantalle, seine Assistentin zu schicken. Doch dann war ihr eingefallen, dass Sören die ganze Woche Bereitschaft hatte und im Anschluss zu einem Kongress nach Las Vegas fliegen wollte. Sie konnten sich nicht einmal voneinander verabschieden, weil er spät abends noch einen Anruf aus der Klinik erhalten hatte und von dort aus aufgebrochen war. Nun, dann würde sie wohl morgen einen neuen Anlauf unternehmen müssen oder es zähneknirschend bei diesem billigen Hochglanzpapier belassen. 
Lilly stellte ihre Michael Kors auf dem Sideboard ab und bemerkte, dass der AB hektisch blinkte. Anscheinend hatte sie in der Früh vergessen, die Weiterleitung auf ihr iPhone zu aktivieren. Sie seufzte und drückte auf die Wiedergabetaste. 
»Sie können sich vermutlich denken, warum ich anrufe«, ertönte das durchdringende Organ ihres Chefs. »Vorhin habe ich erfahren, dass die Galerie Gottwald den van Dyck in Kommission genommen hat nur eine Stunde, nachdem Sie den Besitzer einfach haben stehen lassen. Das wird sehr ernste Auswirkungen haben, Frau Cornelsen.« 
Lilly glaubte, sich verhört zu haben. Diese Grausamkeit, die im Wohnzimmer dieses alten Mannes an der Wand hing, war nie im Leben ein wertvolles Kunstwerk gewesen. 
Sie wollte schon zum Hörer greifen, um die Situation zu klären, als bereits die nächste Nachricht abgespielt wurde. Es war Sörens sachliche Stimme, nur was er sagte, schien ihr so unglaublich, dass Lilly die Nachricht noch einmal abhörte. Doch die Worte änderten sich nicht.
»Wie du weißt, bin ich niemand, der an abergläubischen Hokuspokus glaubt. Aber als die Druckerei bereits zum zweiten Mal unsere Einladungskarten falsch geliefert hatte, bin ich ins Nachdenken geraten«, er räusperte sich und brachte mit den nächsten drei Sätzen ihre geordnete Welt zum Einsturz. »Kurz gesagt, ich werde heute nach Las Vegas zu diesem Kongress über rekonstruktive Chirurgie fliegen. Chantalle begleitet mich, unser Flug wird gerade aufgerufen. Was ich sagen will, Chantalle und ich werden in Vegas heiraten. Viel Glück, Lil.« 
Kurz sah sie vor ihrem inneren Auge das Bild, wie Doktor Sören von Voght, gekleidet in einen Chirurgenkittel, mit seiner kurvigen Assistentin in einer dieser Hochzeitskapellen zum Altar schritt und von einem schwitzenden und übergewichtigen Elvis getraut wurde. Doch das Bild verflog und zurück blieben Fassungslosigkeit und Wut. 
Wie konnte er es wagen ?! Als ob ihn die Fehldrucke zum Fremdgehen getrieben hätten. Klänge es nicht so völlig unglaublich, wäre sie wegen dieser haarsträubenden Rechtfertigung in schallendes Gelächter ausgebrochen.
Lilly merkte, wie ihr die Knie weich wurden und sie setzte sich schnell auf den unbequemen Louis XIV-Stuhl, der neben dem Sideboard stand. Seltsamerweise war dies der Moment, in dem ihr bewusst wurde, dass ihr gemeinsames Zuhause streng nach Sörens Geschmack eingerichtet war. Wie eigenartig, dass ihr das vorher nie aufgefallen war.  
Und jetzt hatte er auch seine Zukunft ohne sie eingerichtet. Ausgerechnet Chantalle. Sie war in allem das totale Gegenteil von ihr selbst. Schwarze Locken, eine üppige Figur, und Make-up und Kleidung immer etwas zu aufdringlich, besonders für ihre Position in der Klinik. Reflexartig glättete Lilly sich ihre Haare. In ihrer Familie setzte man auf hanseatisch zurückhaltendes Understatement und sie hatte immer gedacht, dass Sören und sie deshalb gut miteinander harmonierten. Und das war es doch, was letztendlich eine gute Beziehung ausmachte gemeinsame Wertvorstellungen und Ziele. Wie hatte sie sich nur so in ihm täuschen können?
Nur ganz allmählich begriff sie die Konsequenz des Ganzen. Da waren nicht nur die ganzen Hochzeitsvorbereitungen, die gestoppt werden mussten, sondern ihr gesamtes Leben war auf den Kopf gestellt worden. Auf Sörens Schreibtisch lag immer noch der Kaufvertrag für die Stadtvilla. Jetzt fragte sie sich nicht mehr, warum er noch keinen Termin mit dem Notar gemacht hatte. Und auch sein Desinteresse an der Hochzeitsplanung, das sie auf seinen anstrengenden Job zurückgeführt hatte, ergab plötzlich einen Sinn. 
Dieser feige Mistkerl hatte buchstäblich bis zur letzten Minute gewartet, bevor er die Karten auf den Tisch legte.   
Lilly spürte, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen. Nicht mehr lange und sie würde komplett die Fassung verlieren. Sie, die immer so beherrscht und kontrolliert war, hatte plötzlich das dringende Bedürfnis, schreiend ins Arbeitszimmer dieses Betrügers zu stürmen und seine kostbare Kunstsammlung klitzeklein zu schlagen. 

Wie es mit Lilly und Antonio weitergeht können Sie hier lesen: "Hearts on Fire"

Leseprobe: ©Lita Harris - 2015

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