Wanderlust – Leseprobe


»Mist, Mist, Mist.« Lisa stand schimpfend in dem fremden Badezimmer und drückte auf den Anschaltknopf an Mr. Big. Doch alles, was ihr Lieblingsspielzeug von sich gab, war ein asthmatisches Röcheln, um dann synchron zu Lisas letztem »Mist« ganz zu verstummen. Das hatte ihr gerade noch gefehlt. Endlich, als sie alles vorbereitet hatte, damit dieser wirklich verrückte Tag doch noch ein klitzekleines Happy End haben würde, da mussten ihr ein paar blöde Batterien alles verderben. 
Mit einem bedauernden Blick auf das einladende Schaumbad und die kleine Flasche Prosecco, die Lisa im Flieger eingesteckt hatte und die nun in Reichweite auf einem kleinen Beistelltisch stand, ging sie zur Tür. 
Nackt, wie sie eigentlich in die freistehende Wanne hatte steigen wollen, stand sie in dem gemütlich-rustikal eingerichteten Living Room, der, wie bei den meisten amerikanischen Häusern, gleich hinter der Eingangstür begann, und ließ ihre Blicke schweifen. Eigentlich sollten in dem Gästehaus irgendwo Batterien zu finden sein – besonders, wenn sich vor der Haustür nichts als Wald und Wildnis befand und man vermutlich ständig auf einen Stromausfall gefasst sein musste. Aber wo? 
Vermutlich waren sie entweder nahe der Haustür oder in einem der Küchenschränke, überlegte sie.
Neben der Haustür stand eine kleine Kommode und gleich in der ersten Schublade wurde sie fündig. Direkt neben der großen Stabtaschenlampe lag ein neues Paket Batterien – nur leider waren sie viel zu groß für Mr. Big, wie Lisa auf den ersten Blick erkannte. 
Also nächster Versuch: die offene Küchenzeile. Lisa gähnte und planlos zog sie einige Schubladen auf, schaute in Schränke und stand nun vor der offenen Kühlschranktür. Gut gefüllt sah er auf den ersten Blick aus, nur die einzelnen Produkte entsprachen so gar nicht ihrem Geschmack. Jede Menge Zeug, das den unsichtbaren Aufdruck »Iss mich, ich bin gut für deinen Körper« trug, leuchtete ihr aus jedem Fach entgegen. Wer war nur auf den Gedanken gekommen, sie könnte eine Gesundheitsfanatikerin sein …? Lediglich die Obstschale, die auf der Arbeitsplatte stand, konnte sie locken.
Unschlüssig wägte sie ihre Optionen ab. In die Wanne mit einem gezähmten Mr. Big? Vermutlich war das Wasser inzwischen abgekühlt. Sie fröstelte bei dem Gedanken. Da konnte sie auch gleich in den Ort fahren und im dortigen Supermarkt ihr Glück versuchen. Bei der Gelegenheit könnte sie auch gleich einige Einkäufe erledigen. Sie wollte Toast und Tee zum Frühstück haben und Marmelade und keine schlabberige, grüne Flüssignahrung aus dem Mixer und Körnerfutter. 
Sie sah zum Fenster, noch schien die Sonne. Aber sie hatte keine Ahnung, wann es hier dunkel werden würde. Sie meinte sich zu erinnern, dass Maine auf einem anderen Breitengrad als Hamburg lag, aber was dies in der Praxis bedeutete … 
Blöder Jetlag. Erneut gähnte sie herzhaft. Besser, sie würde nicht weiter rumtrödeln, bevor sie noch im Stehen einschlief. Sie war mitten in der Nacht aufgestanden, weil sie vor sechs Uhr am Flughafen Fuhlsbüttel sein musste, um mit British Airways erst nach London und  dann nach New York zu fliegen.
Schnell lief sie in das hübschere der beiden Schlafzimmer, welche zur Auswahl gestanden hatten, ignorierte das einladend aussehende Queensize-Bett und zog frische Unterwäsche, Jeans und ein helles Top aus dem geöffneten Koffer. Vorsichtshalber nahm sie noch ihren heiß geliebten Blazer von René Lezard mit. Als sie angekommen war, hatte sie es für Anfang Oktober zwar erstaunlich mild gefunden, aber mittlerweile fröstelte sie leicht, was aber auch von der Übermüdung kommen konnte. 
Der dunkelgrüne, kompakte Jeep Cherokee, den sie zur freien Verfügung erhalten hatte, stand immer noch quer auf der Einfahrt, der Schlüssel steckte und ihre Clutch mit ihrer Brieftasche lag unberührt auf dem Beifahrersitz. Lisa musste über sich selbst lachen. Als ob hier draußen in der Wildnis jemand den Wagen oder ihre Handtasche stehlen würde. Soweit sie wusste, gehörten mehrere Hektar Wald, inklusive der Buckelpiste, die zum Highway führte, zum Anwesen. Hier war weit und breit keine Menschenseele und vor morgen früh erwartete sie auch niemanden.
Sie startete den Geländewagen und schaltete das Navi ein. Doch als sie aufgefordert wurde, ihre Destination einzugeben, musste sie feststellen, dass sie keine Ahnung hatte, wie der Name des Kaffs lautete, durch das sie vorhin gefahren war. Es hatte vermutlich den gleichen Namen wie der kleine Flughafen, sofern man die Baracke mit dem einen Rollfeld und dem windschiefen Hangar Flughafen nennen wollte, wenn sie sich nur erinnern könnte … Jason, Jackson … nein, Jackman. Gut. Wenigstens ein kleiner Lichtblick. Sie schlug das Lenkrad ein und fuhr den einspurigen Weg zurück durch den Wald. Laut Navi sollte sie den Highway 201 in ungefähr fünfundzwanzig Minuten erreichen. ›Sofern nichts schiefgeht‹, dachte sie und verzog das Gesicht, denn seit Lisa am späten Vormittag am John F. Kennedy Airport gelandet war, schien alles, aber wirklich alles, was schieflaufen konnte, schiefzulaufen. 
Nein, eigentlich hatte das Verhängnis schon viel früher begonnen – nämlich, als ein bekannter Hersteller von Outdoor-Fashion auf den preisgekrönten Werbeclip, den sie zusammen mit ihrem Partner produziert hatte, aufmerksam geworden war und sich in den Kopf gesetzt hatte, dass die Hamburger Werbeagentur Electric Dreams die Kampagne für seine neueste Produktlinie konzipieren sollte. Und zwar am besten noch gestern. Das Problem war nur, die Firma, die er buchen wollte, gab es in dieser Form nicht mehr und Lisa hatte so wenig mit Aktivitäten am Hut, die mit frischer Luft und Bewegung in freier Natur zu tun hatten, wie eine Katze mit Schlittschuhlaufen. Erschwerend kam hinzu, dass sie diesen Auftrag dringend brauchte, wenn sie nicht ihre finanziell ohnehin angeschlagene Firma endgültig auf Grund setzen wollte.
Dabei lief alles so gut, ihre Firma und auch ihr Privatleben – bis zu jenem Tag, als Lisa vorzeitig von einem Geschäftslunch in ihr Büro zurückkehrte. Das war jetzt fast drei Monate her …

"Wanderlust" ©Lita Harris - 2014 - Band 3 der spicy lady-Reihe
Taschenbuch und E-Book sind auf Amazon erhältlich . 

Kommentare

  1. Hallo liebe Lita !

    Das hört sich gut an ! Ich muss das Buch lesen...dringendst.

    Liebe warm-sonnige Oktober-Gruesse,anscheinend passend zum Buch !

    Karoliina

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